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Aktivierende Pflege

Lange überwog in der Pflege das Paradigma „warm – satt – sauber“. Alltägliche Aktivitäten der pflegebedürftigen Personen wurden übernommen und nicht hinterfragt, ob sie in der Lage wäre, diese selbst auszuführen. Der Mensch wurde kaum als Individuum wahrgenommen. Dieser Ansatz des „Verwahrens und Erhaltens“ gehört inzwischen mehr und mehr der Vergangenheit an und wird durch neue Pflegeansätze ersetzt. Die aktivierende Pflege stellt eine alltägliche Pflegepraxis dar, die dem Erhalt und der Förderung der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit dient. Als Hilfe zur Selbsthilfe stärkt sie das Selbstbewusstsein pflegebedürftiger Personen und zeigt Wege auf, wie sich der Alltag entweder allein oder mit Unterstützung gestalten lässt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die aktivierende Pflege gehört inzwischen fest zum Leitbild von Pflegeeinrichtungen und -diensten. Sie zielt auf den Erhalt oder das Wiedererlangen der Selbstständigkeit bei alltäglichen Aufgaben ab.
  • Die aktivierende Pflege erfordert zunächst etwas Geduld und Zeit. Sie wirkt sich langfristig allerdings positiv aus, da weniger Aufgaben durch die Pflegeperson übernommen werden müssen.
  • Zur Unterstützung bei der Verrichtung alltäglicher Aufgaben besteht ein Anspruch auf Hilfsmittel. Die Pflegekasse steuert hier monatlich bis zu 40 Euro bei.

Aufgaben der aktivierenden Pflege

Das Ziel der aktivierenden Pflege ist die Aufrechterhaltung oder Wiedererlangung der Selbstständigkeit im Alltag. Verankert war dieser Anspruch in § 28 (4) SGB XI, ist seit Anfang 2017 jedoch in § 2 SGB XI in die Selbstbestimmung integriert.

(1) Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen den Pflegebedürftigen helfen, trotz ihres Hilfebedarfs ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, das der Würde des Menschen entspricht. Die Hilfen sind darauf auszurichten, die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte der Pflegebedürftigen, auch in Form der aktivierenden Pflege, wiederzugewinnen oder zu erhalten.

Sie folgt dabei dem Grundsatz

  • körperliche
  • geistige
  • emotionale
  • soziale

Fähigkeiten aktiv zu fördern. Dies ist nicht nur Aufgabe professioneller Pflegekräfte in stationären Einrichtungen, sondern auch ambulanter Pflegedienste. Dabei findet eine Integration in die Grund- und Behandlungspflege statt. Und auch pflegende Angehörige können die aktivierende Pflege in den Alltag einbeziehen.

Neben der Selbstständigkeit stärkt die aktivierende Pflege das Selbstbewusstsein der Personen, das durch körperliche und / oder geistige Einschränkungen nicht selten beeinträchtigt ist. Das wiederum kann sich positiv auf soziale Kontakte und die psychische Verfassung auswirken.

Inhalte der aktivierenden Pflege

Die aktivierende Pflege setzt in verschiedenen Lebensbereichen an. Allen gemein ist, dass die vorhandenen Fähigkeiten der pflegebedürftigen Person einbezogen und permanent gefordert werden. Die Unterstützung durch die Pflegeperson findet so wenig wie möglich, jedoch so viel wie nötig statt. Dadurch erzielt die aktivierende Pflege einen wiederkehrenden Übungseffekt, der verhindert, dass die körperlichen und geistigen Kompetenzen aufgrund von Nichtbeanspruchung nachlassen.

Aktivierende Pflege in der Praxis

Bei der aktivierenden Pflege ist es wichtig, sowohl Überforderung als auch Unterforderung zu vermeiden. Dafür braucht es beidseitige Geduld und in der Durchführung sollte kein Zeitdruck einhergehen.

Ein wichtiges Stichwort ist hier die sogenannte Adaptionszeit, d. h. „die Zeit von der Aufforderung zu einer Handlung bis zur Reaktion darauf. Man kann auch sagen, die Adaptionszeit ist die Zeit, die wir brauchen, um einen Reiz wahrzunehmen und um darauf zu reagieren“ (Prell 2002, http://www.senioren-wohngemeinschaft-eitorf.de/_pflege/pflegemodell_boehm.pdf).

Die Adaptionszeit kann sich in der Erwartung der Pflegeperson und der zu pflegenden Person durchaus deutlich unterscheiden. Da dies gerade für Laien nicht immer leicht zu ertragen und umzusetzen ist, gibt es spezielle Kurse, um grundlegende Techniken zu erlernen. Termine finden Sie beispielsweise bei sozialen Einrichtungen oder Wohlfahrtsverbänden.

Neben der Bewältigung alltäglicher Aufgaben im Beisein einer Pflegeperson ist es sinnvoll, der pflegebedürftigen Person „Hausaufgaben“ mit auf den Weg zu geben, sodass diese auch in Abwesenheit einer Pflegeperson weiter an ihren Fähigkeiten arbeiten kann. Die Voraussetzung für aktivierende Pflege ist damit, dass die pflegebedürftigen Personen kognitiv in der Lage sind, Erklärungen zu verstehen und umzusetzen.

Planung der aktivierenden Pflege

Es ist nicht zielführend, die aktivierende Pflege ohne vorherige Planung umzusetzen. Schließlich sollte sie an den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Person ausgerichtet sein, sodass es im Vorfeld einige Fragen zu klären gilt:

  • Welche Aufgaben kann die Person selbst ausführen?
  • Wo sind Beaufsichtigung oder auch aktive Unterstützung erforderlich?

Welche Vorbereitungen sind für einen optimalen Ablauf notwendig?

Hilfsmittel unterstützen die Selbstständigkeit

Zur Förderung der Selbstständigkeit sind manchmal einige Hilfsmittel notwendig, die dazu beitragen, dass keine weitere externe Hilfe mehr erforderlich ist. Das kann ein Rollator für die Fortbewegung sein oder Utensilien, um selbstständig essen und trinken zu können. Die Pflegekasse übernimmt hier monatlich bis zu 40 Euro für Hilfsmittel.

Das Hilfsmittel sollte dabei mit Bedacht gewählt werden. Es sollte darauf ausgerichtet sein, das Wiedererlernen von Fähigkeiten zu unterstützen beziehungsweise vorhandene Fähigkeiten zu fördern – jedoch keinesfalls vorhandene Fähigkeiten durch überflüssige Maßnahmen ersetzen.

Mögliche Hilfsmittel sind hier:

  • Bewegungshilfen
  • Betttisch
  • Rollstuhl
  • Badewannen- oder Duschsitze
  • Haltegriffe
  • Greifzangen
  • Ess- und Trinkhilfen
  • Strumpfanzieher

Sollten Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit in der Wohnung erforderlich sein, damit sich die pflegebedürftige Person selbstständig in der Wohnung bewegen kann, leistet die Pflegekasse auch hier finanzielle Unterstützung von bis zu 4.000 Euro je Maßnahme.

Möchten Sie die aktivierende Pflege bei Angehörigen im Alltag umsetzen, bieten einige Einrichtungen und Verbände spezielle Kurse an, die grundlegende Techniken vermitteln.

Probleme in der Praxis

So erstrebenswert die aktivierende Pflege auch ist und daher in zahlreichen Leitbildern fest verankert ist – in der Praxis scheitert die Durchführung bei professionellen Pflegekräften nicht selten am Zeitmangel. Schließlich kostet es zumindest anfänglich deutlich mehr Zeit, eine Person mit Einschränkungen des Bewegungsapparats alleine essen zu lassen als sie zu füttern. Allerdings zahlt sich die Mühe langfristig aus, da sich der Hilfebedarf deutlich reduziert.

Manchmal hat die pflegebedürftige Person schlichtweg auch ein Verlangen danach, umsorgt zu werden. Hier sind eine deutliche Kommunikation und Absprache wichtig, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Hilfreich kann dabei sein, die Vorteile der aktivierenden Pflege aufzuzeigen und die pflegebedürftige Person zu ermutigen, sich aktiv an der Alltagsgestaltung zu beteiligen.

Abgrenzung zu anderen Pflegeformen

Als Abgrenzung zur aktivierenden Pflege gibt es unterschiedliche Pflegeformen, die sich teilweise speziell an Demenzkranke oder Menschen mit neurologischen Erkrankungen richten.

Die kompensatorische Pflege

Bei der kompensatorischen Pflege bleibt die pflegebedürftige Person passiv, was dazu führt, dass sie früher oder später ihre Fähigkeiten verlernt und der Hilfebedarf weiter ansteigt. Der Ansatz ist auch als „warm – satt – sauber“ bekannt und besagt, dass eine pflegebedürftige Person ausreichend Nahrung hat, gewaschen ist und keinerlei psychische Schäden erleidet. Allerdings bleibt hier das Individuum auf der Strecke. Bei der pflegebedürftigen Person entsteht ein Gefühl der Wertlosigkeit aufgrund der Abhängigkeit, sie werden ohne Berücksichtigung ihrer Wünsche und eigenen Bedürfnisse verwahrt und erhalten. Aufgrund dieser Nachteile gilt die Pflegeform inzwischen nicht mehr als erstrebenswert.

Das Pflegemodell nach Böhm

Erwin Böhm gilt als einer der bedeutenden Forscher auf dem Gebiet der Pflegewissenschaften. In seinem Pflegemodell fokussiert er sich auf ältere, an Demenz erkrankte Menschen und stellt deren Biografien in den Mittelpunkt – basierend auf der These, dass Menschen mit zunehmendem Alter Bewältigungsstrategien nutzen, die sie in den ersten 30 Lebensjahren erworben haben. Daraus resultieren vier Grundannahmen über den Menschen:

  • individuelle Prägung
  • Leben in einer eigenen Alltagsnormalität
  • Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrauen
  • Wunsch, gebraucht zu werden

Durch die Orientierung an der Biografie ist ebenfalls die Förderung eines selbstbestimmten Lebens möglich, wenngleich die Reaktivierung durch Impulse aus der Biografie vor allem auch einen geringeren Einsatz von Psychopharmaka und die Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen, z. B. bei Demenzerkrankten, zum Ziel hat (LINK).

Das Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept ist ein kinästhetisches Konzept, das für Patient*innen mit halbseitiger Lähmung oder anderen neurologischen Erkrankungen entwickelt wurde. Die beeinträchtigte Körperhälfte soll während der Übungen aktiv in die Bewegungsabläufe einbezogen werden, um eine Kompensation durch die gesunde Körperhälfte zu vermeiden. Das Konzept basiert dabei auf dem Ansatz des lebenslangen Lernens des Nervensystems, wonach die Übungen auf eine Verbesserung der neurologischen Leistung abzielen. Ziele sind auch hier die einfachere Bewältigung des Alltags und das Wiedererlangen einer eigenverantwortlichen Lebensqualität. Allerdings handelt es sich hier um eine rehabilitative Maßnahme, die zeitlich begrenzt ist.

Rehabilitative Pflege

Wenngleich auch hier neben den therapeutischen Maßnahmen aktivierende Elemente von Bedeutung sind, um eine selbstständige Lebensführung zurückzugewinnen, liegt der rehabilitativen Pflege stets eine Diagnose zugrunde, die an eine medizinische Indikation und einen Therapieplan geknüpft ist, d. h., auch einen konkreten Hilfebedarf voraussetzt. Die Reha-Maßnahme ist damit zeitlich begrenzt.

Tipps für die aktivierende Pflege Angehöriger

  • Beziehen Sie die pflegebedürftige Person in alle Entscheidungen mit ein und richten Sie die Pflege an ihren Bedürfnissen aus.
  • Nehmen Sie an einem Pflegekurs teil, der wichtiges Grundwissen zur aktivierenden Pflege vermittelt.
  • Üben Sie sich in Geduld.
  • Vermeiden Sie Überforderungen der pflegebedürftigen Person. Entscheiden Sie gemeinsam, wo Unterstützung wirklich notwendig ist und reflektieren Sie Ihr Handeln dahingehend immer wieder.
  • Fördern Sie die Bewegung und Aktivität der pflegebedürftigen Person.
  • Passen Sie die Wohnung an die Pflegesituation an, sodass die pflegebedürftige Person sich möglichst selbstständig bewegen kann.
  • Nehmen Sie gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch, wenn Sie feststellen, dass Sie mit der Pflegesituation überfordert sind.
  • Vernachlässigen Sie Ihre eigene Gesundheit nicht und schaffen Sie sich ausreichend Freiräume. Gute Pflege setzt immer auch eine gute Selbstpflege voraus.

Weiterführende Informationen und hilfreiche Links

Hier finden Sie ein Beispiel für die aktivierende Körperpflege bei Angehörigen: LINK

Eine ausführliche Beschreibung des Konzepts nach Bobath: LINK

Tipps der DAK für die Pflege zu Hause inklusive Tipps zur Auswahl geeigneter Hilfsmittel: LINK

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2021-10-26T00:48:24+02:0003. März 21|Altenpflege & Wohnen im Alter|