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Gewalt in der Pflege: So schützen Sie Ihren Angehörigen

Pflegebedürftige Menschen sind oft besonders verletzlich – körperlich, seelisch und manchmal auch finanziell. Für Sie als pflegenden Angehörigen kann es schwierig sein, die feinen Anzeichen von Gewalt in der Pflege zu erkennen. Oft handelt es sich nicht um eindeutige Verletzungen, sondern um subtile Verhaltensänderungen, Stimmungsschwankungen oder Rückzug, die zunächst harmlos wirken können. In diesem Artikel erklären wir Ihnen, welche Formen von Gewalt in der Pflege auftreten, worauf Sie achten sollten, und welche Schritte möglich sind, um Ihr Familienmitglied zu schützen.

Gewalt in der Pflege: Definition

Die Definition von Gewalt in der Pflege umfasst alle Handlungen oder Unterlassungen, durch die pflegebedürftige Menschen körperlich, seelisch oder finanziell geschädigt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gewalt absichtlich oder aus Nachlässigkeit geschieht.

Gewalt in der Pflege kann in allen Settings auftreten – zu Hause, in Pflegeeinrichtungen oder in betreuten Wohngemeinschaften. Für Sie als Angehörigen ist es wichtig, die verschiedenen Formen zu kennen, um Warnsignale frühzeitig zu bemerken und entsprechend handeln zu können.

Formen der Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege kann viele Gesichter haben. Die meisten Menschen denken dabei an körperliche Übergriffe, doch nicht immer hinterlässt Gewalt in der Pflege offenkundige Verletzungen.

Die häufigsten Formen sind:

  1. Körperliche Gewalt
    Dazu gehören Schläge, Stöße, unsachgemäßes Fixieren, unnötiges Zerren oder grobes Anfassen. Auch Vernachlässigung der Körperpflege oder der medizinischen Versorgung zählt dazu.
  2. Psychische Gewalt
    Psychische Gewalt äußert sich in Drohungen, Beschimpfungen, Demütigungen, ständiger Kritik oder Isolation. Sie kann sehr subtil sein, hinterlässt aber oft tiefe Spuren bei den Betroffenen.
  3. Sexuelle Gewalt
    Darunter fällt jegliche Form unerwünschter sexueller Handlungen, Berührungen oder Kommentare gegenüber pflegebedürftigen Menschen.
  4. Finanzielle Gewalt
    Hierunter versteht man den Missbrauch von Geld, Vermögen oder persönlichen Gegenständen der Pflegeperson, oft durch Täuschung oder Druck.
  5. Vernachlässigung
    Eine Vernachlässigung liegt vor, wenn Grundbedürfnisse wie Ernährung, Hygiene, medizinische Versorgung oder soziale Kontakte nicht ausreichend erfüllt werden.

Gewalt in der Pflege: Fallbeispiele

Oft zeigen sich gewaltsame Tätigkeiten in wiederkehrenden Situationen – Pflegebedürftige werden dabei wiederholt drangsaliert. Folgende Beispiele verdeutlichen Ihnen, wie unterschiedlich Gewalt aussehen kann:

  • Fallbeispiel: Körperliche Gewalt
    Eine pflegebedürftige Person wird beim Umsetzen oder Waschen regelmäßig grob angefasst. Blaue Flecken werden mit „Unachtsamkeit“ erklärt, die betroffene Person wirkt dabei ängstlich oder zieht sich zurück.
  • Fallbeispiel: Psychische Gewalt
    Ein Familienmitglied oder eine Pflegekraft spricht abwertend, macht Druck oder droht mit Konsequenzen wie „Dann helfe ich Ihnen eben nicht mehr“. Die pflegebedürftige Person wirkt zunehmend verunsichert und vermeidet Gespräche.
  • Fallbeispiel: Vernachlässigung
    Ein Pflegebedürftiger erhält unregelmäßig Mahlzeiten, liegt über längere Zeit ungewaschen im Bett oder notwendige Medikamente werden nicht zuverlässig gegeben. Die Versorgung wirkt insgesamt unzureichend.
  • Fallbeispiel: Finanzielle Gewalt
    Der pflegebedürftigen Person werden regelmäßig Geldbeträge abgehoben, ohne dass klar ist, wofür. Rechnungen bleiben unbezahlt, persönliche Wertgegenstände verschwinden.
  • Fallbeispiel: Freiheitsentziehende Maßnahmen
    Eine Person wird ohne medizinische Notwendigkeit fixiert oder ruhiggestellt, um den Pflegealltag zu erleichtern. Gespräche über Alternativen finden nicht statt.

Ursachen von Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege entsteht selten aus einem einzelnen Grund. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen, die den Pflegealltag belasten und das Risiko für Grenzüberschreitungen erhöhen. Zu den häufigsten Ursachen zählen:

Überforderung und Stress
Pflegende Angehörige und Pflegekräfte stehen oft unter hohem körperlichem und emotionalem Druck. Zeitmangel, Schlafdefizite und fehlende Entlastung können dazu führen, dass Geduld und Einfühlungsvermögen nachlassen.

Personalmangel und Arbeitsbedingungen
In Pflegeeinrichtungen erschweren knappe Personalressourcen und hohe Verantwortung manchmal eine angemessene Betreuung. Darunter kann die Qualität der Pflege leiden.

Fehlendes Wissen und mangelnde Schulung
Unsicherheit im Umgang mit Demenz, herausforderndem Verhalten oder körperlichen Einschränkungen kann zu falschen Reaktionen führen, etwa zu unnötiger Fixierung oder harschem Umgangston.

Emotionale Belastungen
Frustration, Hilflosigkeit oder ungelöste Konflikte zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden können sich in aggressivem oder abwertendem Verhalten äußern.

Abhängigkeit und Machtgefälle
Pflegebedürftige Menschen sind oft auf Hilfe angewiesen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis kann missbraucht werden, insbesondere wenn Kontrolle und Transparenz fehlen.

Fehlende Unterstützung und Prävention
Ohne ausreichende Beratung, Supervision oder Anlaufstellen bleiben Probleme häufig ungelöst und eskalieren schleichend.

Gut zu wissen!

Gewalt in der Pflege ist häufig ein strukturelles Problem und nicht ausschließlich das Fehlverhalten Einzelner.

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Gewalt in der Pflege ist ein sensibles Thema, das schnell den Eindruck erwecken kann, es handle sich um ein weit verbreitetes Alltagsproblem. Diese Wahrnehmung entsteht häufig durch einzelne Studien, Medienberichte oder besonders schwere Einzelfälle. Wichtig ist jedoch eine sachliche Einordnung: Gewalt in der Pflege ist keine Normalität.

Zuverlässige, flächendeckende Zahlen gibt es kaum. Viele Vorfälle werden nicht gemeldet oder eindeutig als Gewalt erkannt. Studien und Befragungen zeigen zwar, dass bestimmte Formen von Gewalt – insbesondere psychische Gewalt oder Vernachlässigung – vorkommen können. Das bedeutet jedoch nicht, dass Pflegebedürftige grundsätzlich oder regelmäßig Gewalt erfahren.

Oft zitierte hohe Prozentzahlen beziehen sich meist auf einzelne Situationen oder Verhaltensweisen innerhalb begrenzter Untersuchungen. Sie lassen keinen Rückschluss darauf zu, dass Gewalt den Pflegealltag insgesamt prägt. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle findet Pflege respektvoll, verantwortungsbewusst und mit großem Engagement statt – sowohl in Familien als auch in Pflegeeinrichtungen.

Gleichzeitig ist klar: Überforderung im häuslichen Umfeld, emotionale Belastung oder knappe personelle Ressourcen in Einrichtungen können Risikofaktoren sein, müssen aber nicht zwangsläufig zu Gewalt führen. Stress erklärt Grenzüberschreitungen nicht und rechtfertigt sie nicht. Wo Gewalt auftritt, handelt es sich um Einzelfälle, nicht um einen normalen Bestandteil von Pflege.

Warnsignale für Gewalt in der Pflege

Die folgenden Anzeichen können darauf hinweisen, dass Ihr Familienmitglied belastenden Situationen ausgesetzt ist. Ein einzelnes Signal bedeutet nicht automatisch, dass Gewalt vorliegt. Treten jedoch mehrere Hinweise gemeinsam auf oder wiederholen sie sich, sollten Sie hellhörig werden.

Bereich

Mögliche Warnsignale bei Ihrem Familienmitglied

Körperliche Auffälligkeiten

Ihr Angehöriger weist blaue Flecken, Schürfwunden oder Schmerzen auf, die nicht nachvollziehbar erklärt werden können.

Pflegezustand

Ihr Familienmitglied wirkt ungepflegt, hat Druckstellen oder trägt unangemessene Kleidung, die nicht zur Witterung passt.

Verhalten und Stimmung

Ihr Angehöriger zieht sich zurück, wirkt ängstlich, traurig oder ungewöhnlich still.

Reaktionen im Alltag

Ihr Familienmitglied reagiert schreckhaft, nervös oder vermeidet bestimmte Situationen oder Personen.

Kommunikation

Ihr Angehöriger spricht ungern über den Pflegealltag oder wirkt angespannt, sobald das Thema angesprochen wird.

Versorgung

Mahlzeiten, Getränke oder Medikamente werden offenbar unregelmäßig oder unzureichend bereitgestellt.

Soziale Veränderungen

Ihr Familienmitglied hat weniger Kontakt zu anderen Menschen oder Besuche werden erschwert oder eingeschränkt.

Finanzielle Auffälligkeiten

Bei Ihrem Angehörigen fehlen plötzlich Geldbeträge oder Wertgegenstände, ohne dass es eine klare Erklärung gibt.

Maßnahmen bei Gewalt in der Pflege

Vermuten Sie, dass Ihr Angehöriger bei der häuslichen Pflege oder in einer Einrichtung körperliche, psychische oder finanzielle Gewalt erfährt? Auch wenn aus Ihrer Sicht einiges dafürspricht, seien Sie unbedingt vorsichtig mit pauschalen Verurteilungen – das kann Pflegepersonen oder Einrichtungen einen erheblichen Schaden zufügen. Suchen Sie stattdessen zunächst das Gespräch mit Ihrem Familienmitglied, möglichst in einer ruhigen, geschützten Situation. Achten Sie darauf, offen zuzuhören und keinen Druck auszuüben.

Dokumentieren Sie Veränderungen im Verhalten, sichtbare Verletzungen oder Aussagen, die Ihnen Sorge bereiten. Diese Notizen können später helfen, Situationen besser einzuordnen oder Gespräche vorzubereiten.

Wenn Ihr Familienmitglied in einer Pflegeeinrichtung lebt, kann ein sachliches Gespräch mit der zuständigen Pflegefachkraft oder der Pflegedienstleitung sinnvoll sein. Oft lassen sich Missverständnisse oder Versorgungsprobleme bereits so klären.

Bleiben Unsicherheiten bestehen oder verdichten sich Hinweise auf Gewalt, sollten Sie nicht zögern, externe Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Beratungsstellen, Pflegestützpunkte oder Hausärzt:innen können helfen, die Situation fachlich einzuschätzen und weitere Schritte zu besprechen, um die Gewalt in der Pflege melden.

Gut zu wissen!

Auf der Webseite des Opferschutzportals NRW können Sie beispielsweise nach Beratungsstellen suchen, die sich mit Gewalt in der Pflege auskennen.

Prävention von Gewalt in der Pflege

Es gibt verschiedene Wege, um Gewalt in der Pflege zu verhindern oder zu reduzieren:

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie regelmäßig mit Ihrem Angehörigen über seine Gefühle und Erfahrungen. So merken Sie früh, wenn etwas nicht stimmt.
  • Schulung und Sensibilisierung von Pflegepersonal: Gut geschultes Personal ist sich der Risiken und Grenzen bewusst und kann respektvoll mit Pflegebedürftigen umgehen.
  • Unterstützungssysteme nutzen: Beratungsstellen, Pflegedienste oder Angehörigengruppen können helfen, Risiken zu erkennen und Lösungen zu finden.
  • Klare Richtlinien: Einrichtungen sollten klare Regeln gegen Gewalt haben, Beschwerdewege offenlegen und Vorfälle ernst nehmen.

Es gibt auch Gewalt gegenüber Pflegepersonen

Nicht nur Pflegebedürftige können Gewalt erleben – auch Pflegekräfte selbst sind betroffen. Aggressionen, verbale Ausbrüche oder körperliche Übergriffe durch Patient:innen oder Angehörige kommen manchmal vor, wenn Stress, Krankheit oder Frustration auf engem Raum aufeinandertreffen. Solche Situationen belasten das Personal enorm und können zu Fehlzeiten, Burnout oder emotionaler Erschöpfung führen. Prävention ist daher auch hier entscheidend: Klare Verhaltensregeln, Schulungen im Umgang mit schwierigen Situationen, deeskalierende Kommunikation und ein unterstützendes Teamumfeld helfen, Gewalt gegen Pflegepersonen zu reduzieren und Sicherheit für alle Beteiligten zu schaffen.

FAQ – Häufige Fragen zu Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege ist glücklicherweise selten. Studien zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Pflegebedürftigen körperliche oder verbale Gewalt erlebt. Meist handelt es sich um Einzelfälle, aber aufmerksam bleiben lohnt sich, um Frühwarnsignale zu erkennen.

Angehörige können vorbeugend handeln, indem sie regelmäßig mit ihrem Familienmitglied sprechen, kleine Veränderungen im Verhalten beobachten, Beratungsangebote nutzen und darauf achten, dass das Pflegepersonal gut geschult und sensibilisiert ist.

Pflegekräfte sollten Vorfälle dokumentieren, das Team oder Vorgesetzte informieren und Unterstützung durch Supervision oder Schulungen in Anspruch nehmen. Einrichtungen sollten klare Regeln und Beschwerdewege bieten, um Sicherheit und Schutz für alle Mitarbeiter:innen zu gewährleisten.

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Dipl. Ges. Oec. (FH) Jennifer Ann Steinort
Fachjournalistin für Gesundheit/Medizin & Familie

Über unsere Autor:innen

Jennifer Ann Steinort ist Autorin bei den Pflegehelden. Sie verfasst Ratgeber, die Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen Tipps für den Pflegealltag vermitteln. Ihre Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Finanzierung, Pflegemaßnahmen und Wohlbefinden. Ihr persönliches Anliegen ist, selbst komplexe Sachverhalte leserfreundlich zu formulieren.

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